CO2-neutrales Autofahren gibt es nicht

Immer mehr Unternehmen bieten angeblich „klimaneutrales" Autofahren an. Doch nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad sind Sie wirklich mit null Emissionen unterwegs.

Ein silbergrauer Porsche Modell 997 glänzt auf weißem Hintergrund. Dann verändert sich die Szenerie, der PS-starke Sportwagen verschwindet im Regenwald und taucht mit grünem Pflanzenmuster wieder auf. Auf diese Weise wirbt die X-Leasing GmbH im Internet mit einem Filmchen für ihr Angebot „CO2-neutral leasen". Die Münchener Firma arbeitet mit dem Verein PrimaKlima-weltweit-e.V. zusammen. Der pflanzt Bäume als Ausgleich für das Kohlendioxid, welches das Leasing-Auto während der Vertragslaufzeit in die Luft pustet.
Das Angebot von X-Leasing ist eines von immer mehr Beispielen für die freiwillige Kompensation der Treibhausgase, die beim täglichen Leben und Wirtschaften entstehen. Das Grundprinzip ist einfach: Die Menge an CO2, die eine Privatperson oder ein Unternehmen verursacht, wird an anderer Stelle vermieden. Der Atmosphäre ist es schließlich egal, wo auf der Welt die klimaschädlichen Gase eingespart werden.

Hohe Standards sind entscheidend 

Immer mehr Unternehmen bieten den freiwilligen Ausgleich von Treibhausgasen an. Sie berechnen für ihre Kunden die Emissionen, die beim Fliegen, Autofahren oder Shoppen entstehen, und ermitteln die Geldsumme, die nötig ist, um die Treibhausgase anderswo einzusparen. Das Geld investieren die Anbieter in ein entsprechendes Kompensationsprojekt, meist in Entwicklungsländern, und weisen das den Kunden in Form eines Zertifikats nach.
Damit diese Kompensationen mehr sind als nur eine Gewissensberuhigung, müssen die Anbieter hohe Standards erfüllen - und deutlich machen, dass es das Beste ist, die klimaschädlichen Gase gar nicht erst zu produzieren.
„Angebote wie das angeblich CO2-neutrale Leasing eines Spritfressers sind absurd, wenn nicht sogar schädlich", sagt der Bundesvorsitzende des ökologischen Verkehrsclubs Deutschland (VCD), Michael Gehrmann. „Das Unternehmen vermittelt den Eindruck: Je klimaschädlicher das Auto, desto besser für den Wald, denn desto mehr Bäume werden gepflanzt." Gehrmann bemängelt außerdem, dass bei vielen Unternehmen die angebliche Klimaneutralität zu billig zu haben ist. Sowohl die entstehenden Emissionen als auch den Preis pro Tonne Treibhausgas berechnet jeder Anbieter auf eigener Grundlage.
Viele der von diesen Unternehmen beworbenen Klimaschutzprojekte unterliegen keinen einheitlichen Prüfkriterien. „Verbraucher sollten sich genau informieren, welche Projekte nach welchem Standard ein Anbieter unterstützt, bevor sie sich dafür entscheiden, ihre CO2-Emissionen zu kompensieren", rät Angelika Smuda vom Umweltbundesamt. „Der Anbieter muss darüber Auskunft geben, nach welchen Kriterien er seine Projekte auswählt, sonst ist er nicht seriös."

Kompensieren ist immer nur die zweitbeste Lösung

Entscheidend ist außerdem, dass ein Anbieter seinen Kunden deutlich macht: Kompensation ist lediglich der zweitbeste Weg, das Klimaproblem zu lösen. Sie darfFahrrad überholt Auto nicht dazu führen, dass Verbraucher den Geldbeutel zücken, ihr Gewissen reinwaschen und weitermachen wie bisher. „Am besten ist es, Treibhausgase gar nicht erst zu produzieren, den CO2-Ausstoß zu verringern und die Energieeffizienz zu erhöhen", sagt der VCD-Bundesvorsitzende Michael Gehrmann. „Nur die Emissionen, die sich nicht vermeiden lassen, sollten über einen seriösen Anbieter ausgeglichen werden."
Der VCD empfiehlt ausschließlich Anbieter, die ihr Geld in von den UN zertifizierte Projekte investieren, vorzugsweise in Wind- oder Sonnenkraft. Die Projekte sollten zusätzlich den sogenannten Gold Standard erfüllen. Er gewährleistet, dass Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern auch der lokalen Bevölkerung zugutekommen.
Gehrmann kritisiert das Informationsangebot vieler Kompensationsanbieter im Bereich Mobilität. „Häufig fehlen Spritspartipps, die Vorstellung effizienter Fahrzeuge oder schlichtweg der Hinweis darauf, dass man auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel wie Bus, Bahn oder Fahrrad umsteigen kann", stellt der VCD-Vorsitzende fest. Die Begriffe „klimaneutral" oder „CO2-frei", die viele Anbieter für ihre Produkte verwenden, lehnt Gehrmann entschieden ab. „CO2-freie Flugreisen oder Autofahrten gibt es nicht. Die bessere Beschreibung für Kompensationsangebote ist »klimafreundlich« oder »klimabewusst«."
Es ist besser, auf Ökostrom umzusteigen, anstatt jährlich ein paar Cent an einen Kompensationsanbieter zu zahlen und dafür an einem „klimaneutralen" Computer zu sitzen. Es nützt der Umwelt mehr, wenn Strandliebhaber mit der Bahn an die Nordsee und Brötchenfans mit dem Fahrrad zum Bäcker fahren, anstatt ins Auto zu steigen, eine Handvoll Euro an den Mineralölmulti BP/Aral zu zahlen und anschließend „CO2-frei" Sprit zu verbrauchen. Was nach dem Umstieg an Emissionen übrig bleibt, kann und sollte über einen vertrauenswürdigen Anbieter kompensiert werden. Nicht zuletzt führt die Möglichkeit, für persönliche Umweltbelastungen einen Ausgleich zu zahlen, den Menschen vor Augen, dass es eine saubere Atmosphäre nicht zum Nulltarif gibt.

Das sind Auszüge aus einem Artikel in der fairkehr 3/2008.
Mehr lesen Sie im fairkehr-Magazin.

Eine Checkliste mit Kriterien, nach denen Sie die Seriosität eines Kompensationsanbieters beurteilen können, finden Sie hier.